29.04.2010
Obwohl gut ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland eine Zuwanderungsgeschichte hat, spiegelt sich das nicht unbedingt in den Redaktionen deutscher Medienhäuser wider. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, forderte daher auf dem Integrationsgipfel 2007 „mehr Redakteurinnen und Redakteure mit Zuwanderungserfahrung, die das Thema Integration kompetent und vielschichtig beleuchten können“.

Die Teilnehmer einer speziellen Weiterbildung sollen hier eines Tages Abhilfe schaffen und ihre Redaktionen um den Blick von Migranten auf gesellschaftliche Themen ergänzen. Doch bevor es soweit ist, stehen zunächst 15 Monate Unterricht und jede Menge praktische Arbeit an.
Es ist eine multikulturelle Truppe, die seit Anfang September 2009 jeden Tag in Berlin-Kreuzberg die Schulbank drückt. Gut zwei Dutzend Teilnehmer hat die „bikulturelle crossmediale Fortbildung für Migranten“, wie der Kurs im Bildungswerk Kreuzberg (BWK) offiziell heißt. Ungefähr ein Drittel der Teilnehmer hat seine Wurzeln im türkischen oder arabischen Raum, ein weiteres Drittel in Osteuropa und das letzte Drittel im lateinamerikanischen Raum. Viele der Teilnehmer sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, werden im Alltag aber oft als Ausländer wahrgenommen.
Projektstart mit Hindernissen
Das Bildungswerk Kreuzberg ist als Berufsausbildungszentrum bislang ein unbeschriebenes Blatt in der Journalistenausbildung, hat aber als Bildungsträger unter anderem Erfahrung in der kulturspezifischen Ausbildung von Migranten und ist langjähriger Partner der Bundesagentur für Arbeit. Trotzdem war es schwierig, das Projekt ans Laufen zu bringen. „Die Pläne für diese Weiterbildung existierten schon länger, aber wir mussten viel Überzeugungsarbeit bei den Jobcentern leisten“, verrät BWK-Projektbetreuer Uwe Schulte. Denn das Projekt sollte erst gestartet werden, wenn möglichst viele Teilnehmer mit Bildungsgutscheinen zusammen gekommen waren. Dies gestaltete sich insofern schwierig, als die Ausgabe eines Bildungsgutscheins immer im Ermessen der Agentur für Arbeit liegt.
Das journalistische Know-how liefert das Journalisten-Zentrum Haus Busch in Hagen. Direktor Jürgen Dörmann findet das Ganze „ein politisch sehr spannendes Projekt.“ Maßgeblich an der Planung der Weiterbildung beteiligt war Ulrich Pätzold, emeritierter Journalistik-Professor der TU Dortmund; gemeinsam mit Jürgen Dörmann entwickelte er das Curriculum. Außerdem engagiert sich Pätzold in der Initiative „Neue Deutsche Medienmacher“, die sich ebenfalls dafür einsetzt, die Zahl der Journalisten mit Migrationshintergrund in den Medien zu erhöhen. Viele deutsche und fremdsprachige Medien unterstützen das Projekt.
Berufswunsch Videojournalist
Einer der Teilnehmer ist Özgün Özbey. Der 21-Jährige mit türkisch-kurdischen Wurzeln ist der Jüngste in der Gruppe und wollte nach einem Fachabitur in Kommunikations-, Informations- und Medientechnik „etwas mit Medien machen“. Dabei legte er Wert auf eine journalistische Ausbildung. Durch Zufall erfuhr er von dem Angebot im BWK. Özbey. „Meine Cousine hat darüber in der Zeitung gelesen und gesagt, das wäre genau das Richtige für mich.“
Internet-Vorbilder
Özbey möchte später im Videojournalismus arbeiten. Ihm schweben Reportagen über Migration vor, außerdem findet er Medienjournalismus sehr interessant. Denn er sieht sein journalistisches Vorbild in „Bildblogger“ Stefan Niggemeier. Generell ist Özbey aber offen für das, was kommt – das könnte auch Kunst oder das Feuilleton sein. Die Atmosphäre in der multikulturellen Gruppe hat für ihn etwas Besonderes, da er sich selber eher als Deutsch sozialisiert sieht. Vor allem die leidenschaftliche Diskussionsbereitschaft der Gruppe findet er bemerkenswert.
Perfekt zugeschnittene Weiterbildung
Das sieht Marianna Mamonova ähnlich. Die gebürtige Russin kam als Schulkind nach Deutschland und Deutsch wurde ihr schnell zur zweiten Muttersprache. Das besondere für sie an der Weiterbildung sei das Miteinander der Kulturen, das sie als „super spannend“ bezeichnet: „Wir denken nicht gleich. Unsere unterschiedlichen Kulturen lassen uns unterschiedlich an die Themen herangehen.“
Marianna Mamonova hat 2009 ihr Studium der Kunstgeschichte und Musikwissenschaft abgeschlossen und direkt nach der Abgabe ihrer Magisterarbeit mit der Weiterbildung im BWK begonnen. Bereits während des Studiums kam sie mit dem Journalismus in Berührung, und nach ihrem Abschluss wollte sie sich nicht nur mit der Kultur allein beschäftigen. Je mehr sie sich dann mit dem Journalismus auseinandersetzte, desto klarer wurde ihr, dass sie gerne als Journalistin arbeiten wollte.

Über das BWK las sie ebenfalls eher zufällig und stellte fest: „Diese Weiterbildung ist perfekt auf mich zugeschnitten.“ Für später kann sie sich unterschiedliche Stationen vorstellen: „Am Anfang war ich sehr auf das Medium Fernsehen festgelegt, mittlerweile finde ich die Vorstellung, jeden Tag zu schreiben, super.“ Sie möchte sich jedoch nicht nur auf ein Themenfeld beschränken und am liebsten crossmedial arbeiten.
Ein halbes Jahr Praktikum
Noch bis Ende Mai 2010 werden die Teilnehmer im BWK neben journalistischen Grundlagen den Umgang mit crossmedialer Technik, Selbstmarketing und -management lernen sowie eigene Projekte umsetzen. Dann steht ein halbes Jahr Praktikum in einer Redaktion auf dem Plan. Dieses werden die Teilnehmer bei einem der Kooperationspartner des Projekts absolvieren. Dazu gehören zum Beispiel die Nachrichtenagenturen Anadolu Ajansi und dpa, die Zeitungen „Hürriyet“, „Tagesspiegel“ und „taz“ sowie die Sender Metropol FM, RBB und ZDF.
Zurzeit hat die Weiterbildung noch den Status eines Pilotprojekts. Mit den Erfahrungen des ersten Jahrgangs soll dann über eine Fortsetzung entschieden werden.
Timo Stoppacher

Der Autor:
Timo Stoppacher, ist Diplom-Journalist (FH). Er arbeitet als wissenschaft-
licher Mitarbeiter an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin und betreut dort den Studiengang Technikjournalismus/PR. Daneben schreibt er als freier Journalist über Medien- und Technikthemen.
E-Mail: timo@stoppacher.de
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