07.12.2010

Drehen, texten, schneiden



Wie TV-Nachrichten entstehen – Teil 2: Reporter und Redakteure machen die „News Stories“.

Debatte im Düsseldorfer Landtag

„Nordrhein-Westfalen braucht eine starke Landesregierung – Nordrhein-Westfalen hat aber keine starke Landesregierung!“ Es ist ungefähr 10:30 Uhr am 16. September 2010, als der CDU-Politiker Karl-Josef Laumann, neuer Oppositionsführer im Landtag und ehemaliger Arbeitsminister des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, mit diesem Satz seiner Generalkritik an der frischgebackenen rot-grünen Landesregierung die Krone aufsetzt. Im Düsseldorfer Parlament wird heftig gestritten – es ist Tag eins nach der ersten Regierungserklärung der neuen Landeschefin Hannelore Kraft. Dieser Tag wird für sie zur ersten Belastungsprobe, denn das Land steuert nach der Finanzkrise auf eine Rekordverschuldung zu.

Am Puls der Zeit

Für die Opposition hingegen ist das eine willkommene Gelegenheit, schon vorab mit den „Neuen“ auf der Regierungsbank abzurechnen. Eine klassische Nachrichtengeschichte für die Politik-Abteilung: Wortgefechte im Parlament. Und genau deshalb ist auf der Pressetribüne neben den Kollegen vom ZDF und WDR auch Nadine Schullerus dabei, um für den Fernsehsender RTL die Debatte zu beobachten. Ein Beitrag von rund zweieinhalb Minuten ist für die NRW-Regionalsendung „Guten Abend RTL“ geplant. „Ich habe gleich noch ein paar kurze Interview-Termine, und dann geht’s am Nachmittag schnell zurück in den Sender – ich muss ja schließlich noch texten und in den Schnitt.“ Um 17:30 Uhr sei Redaktionsschluss und um 18 Uhr die Sendung, berichtet Schullerus. Ein straffer Zeitplan für die Reporterin, die ausgerechnet heute ihren 29. Geburtstag feiert. „Freinehmen konnte ich leider nicht, weil mein Politik-Kollege im Urlaub ist“, sagt sie lachend. „Aber das ist nicht so schlimm.“

Nadine Schullerus im NRW-Landtag

Traumberuf Reporter

Nicht so schlimm vor allem auch deshalb, weil Nadine Schullerus mit ihrer Jobwahl ins Schwarze getroffen hat. „Ich wollte schon sehr früh Journalistin werden. Mit 14 oder 15 fing das an. Deutsch war mein Lieblingsfach und mein Lehrer riet mir schon damals zu diesem Beruf.“ Nach dem Studium der Medien- und Kulturwissenschaft ergatterte Schullerus einen Platz auf der RTL-Journalistenschule, sammelte Erfahrungen unter anderem bei n-tv, Spiegel-Online und RTL Aktuell.

Seit April 2009 arbeitet sie als Landtagskorrespondentin in der RTL-Regionalredaktion Nordrhein-Westfalen. Für die junge Journalistin genau das Richtige, da sie, wie sie selbst sagt, „harte Themen“ dem bunteren Genre vorzieht – auch wenn der Kontakt zu den Größen der Landespolitik ihr am Anfang durchaus Respekt einflößte. „Ich war schon ziemlich aufgeregt, als ich zum ersten Mal ein Interview mit dem Ministerpräsidenten gemacht habe, das war damals noch Jürgen Rüttgers.“

Keine Angst vor großen Tieren

Mittlerweile ist Nadine Schullerus fast täglich im Landtag, und die Nervosität hat sie lange abgelegt. „Ich glaube, wenn man eine devote Haltung den Politikern gegenüber hat, ist man falsch für diesen Job. Man muss schon den Mut haben, auch unangenehme Fragen stellen zu können.“ Neben der erforderlichen Unerschrockenheit gehören vor allem aber auch das Interesse an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, ein gewisses sprachliches Talent und ein Blick für Bilder zu den Grundvoraussetzungen eines TV-Journalisten.

Wennemar berichtet über den Tsunami

Das weiß auch Burkhard Wennemar. Der 47-Jährige arbeitet seit fast 19 Jahren im Nachrichtengeschäft und war in seiner Laufbahn unter anderem schon bei der Nachrichtenagentur ddp, der Deutschen Welle, dem Deutschlandfunk und dem ZDF-heute-journal im Einsatz. 1996 kam Wennemar schließlich zu RTL und ist dort seit 2004 Auslandsredakteur und Reporter für die Hauptnachrichtensendung RTL Aktuell. „Fernsehen zeichnet sich gegenüber den anderen Medien dadurch aus, dass es News mit Bildern erzählt – das ist ja im Grunde eine Binsenweisheit“, so Wennemar. „Es kommt also vor allen Dingen darauf an, dass man ein Auge für eine gute Bildauswahl hat.“

Reporter im Auslandseinsatz

Das hat Burkhard Wennemar nicht zuletzt dank seiner langjährigen Fernseherfahrung allemal. Regelmäßig wird er als Reporter in alle Welt geschickt. So war er beispielsweise 2005 mit dem damaligen Bundesverteidigungsminister Peter Struck auf einer Auslandsreise in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Usbekistan und Afghanistan. Nach dem Verschwinden des britischen Mädchens Madeleine McCann im Mai 2007 verbrachte Wennemar binnen eines Jahres insgesamt etwa sechzig Tage in Portugal, um die Zuschauer von RTL aktuell auf dem Laufenden zu halten. „Das war eine sehr prägende Zeit, auch weil ich sehr lange vor Ort war und viele Kollegen kennengelernt habe.“

Wennemar in Banda Aceh

Ganz besonders ist dem Vollblut-Reporter auch sein dreiwöchiger Einsatz nach der Tsunami-Katastrophe 2004 in Südost-Asien im Gedächtnis geblieben: „Das war ganz klar der prägendste Einsatz. Zum einen aufgrund der Eindrücke, die man dort sammelte, zum anderen weil ich bei einem Ereignis dabei war, das die ganze Welt bewegte“, erinnert sich Wennemar. Das sei schon der besondere Reiz eines Reporters, an vorderster Front arbeiten zu können.

Zusammenarbeit mit den Agenturen

Doch nicht zu allen Themen werden sendereigene Reporter und Kamerateams entsendet. Gerade zu vielen Ereignissen im Ausland laufen Bilder von externen Nachrichtenagenturen wie APTN (Associated Press Television News) oder Reuters, die weltweit mit unzähligen Kamerateams die wichtigsten Geschehnisse abdecken, als sogenannte Feeds auf dem RTL-Server ein. Jeder Redakteur hat Zugriff auf diesen und kann sich das gesamte zur Verfügung stehende Bildmaterial bequem am Arbeitsplatz ansehen – die digitale Verknüpfung mit entsprechenden Metadaten bringt Übersicht in die Bildermasse.

Ordnung im Chaos

„Die Verschlagwortung der Themen hilft sehr bei der Bildrecherche, meist findet man die Themen unter den zugehörigen Ländernamen. Bricht zum Beispiel wie kürzlich der Vulkan Merapi aus, findet man alle Bilder unter dem Schlagwort Indonesia, egal ob von APTN, Reuters oder CNN,“ erzählt Wennemar. „Wenn mein Thema für die Sendung feststeht, schaue ich mir alle Feeds detailliert an, notiere die Timecodes der Bilder, die ich gern im Beitrag haben möchte. Dann schreibe ich den Text in Kenntnis der Bilder. Mit dem fertigen Text und den Bildern, die ich für die MAZ im Kopf habe, gehe ich dann in den Schnitt.“ Dort wird das Material dann gemeinsam mit einem Cutter zum fertigen Beitrag zusammengeschnitten und vertont. Auch der Cutter hat Zugriff auf den Server, von dem aus die Feed-Bilder in das digitale Schnittsystem eingespeist werden. Der Timecode zeigt zum laufenden Bild eine Zeit-Einheit an, so dass der Cutter mit der richtigen Angabe die Bilder leicht finden kann – für Cutter und TV-Journalisten eine tägliche Prozedur.

Journalisten-Alltag in der TV-Redaktion

Dreh- und Angelpunkt in diesem journalistischen Alltag sind sowohl für Nadine Schullerus als auch für Burkhard Wennemar ihre Redaktionen und die dortigen Konferenzen. Mit einer ersten Themenkonferenz startet morgens der Tag, und mit einer abschließenden Kurzkritik zu allen MAZ-Beiträgen schließt der Arbeitstag nach der jeweiligen Sendung. Dazwischen wird gedreht, getextet, gesichtet, geschnitten und vertont – auch ein Standardtag ist abwechslungsreich, und trotz aller Routine bleibt es immer spannend in den Nachrichtenredaktionen.

Unerwartetes inklusive

„Im tagesaktuellen Bereich braucht man schon eine gewisse Stressresistenz. Denn es kann einem immer etwas dazwischen kommen – dann stürzt zum Beispiel das Stadtarchiv ein und du musst plötzlich für eine Liveschalte raus fahren“, erzählt Nadine Schullerus. Genau diese Unberechenbarkeit im Weltgeschehen ist es, die das Journalistenleben so interessant macht. Denn Tag für Tag lassen sich News Stories erzählen, die der Zuschauer so ganz bestimmt noch nicht gesehen hat.

Christoph Bietz

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INFOS ZUM AUTOR



Christoph Bietz ist Medien-
wissenschaftler und promoviert derzeit über die Narrativität der Nachrichten. Er arbeitet außerdem im TV-
Nachrichten-Bereich als Redakteur und Reporter und schreibt als freier Journalist über Medienthemen. Email: info@christophbietz.de

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