18.06.2010
Unter Federführung des Projektteams Hörfunk hat die Bundeszentrale für politische Bildung ein sogenanntes Radio Guidebook entwickelt. Damit sollen die Regeln des Pressekodex' für die Radiopraxis fortgeschrieben werden. Die Projektleitung hatte Norbert Linke, der auch der FFH Academy, der Hörfunkschule der hessischen Privatsender-Gruppe FFH, vorsteht. Linke betonte im Interview mit funkfenster online, dass sich der Radiokodex vor allem gegen die Täuschung der Hörer wendet.
Hatten Sie ein Vorbild für das Radio Guidebook?
Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass es ein Regelwerk, wie es der Pressekodex für Zeitungen und Zeitschriften ist, fürs Radio hierzulande nicht gibt. Wir haben uns deshalb umgesehen, wie das anderswo gehandhabt wird. In den USA, in Großbritannien und in der Schweiz – um einige Beispiele zu nennen – sind wir fündig geworden. Dort ist die Radiobranche, was die Beschäftigung mit ethischen Standards angeht, weiter. Davon haben wir uns inspirieren lassen. Der Anlass, sich überhaupt mit dieser Thematik zu beschäftigen, lag im Übrigen in einer Art Erosion der öffentlichen Wahrnehmung des Mediums Radio. Der wollten wir auf den Grund gehen.
Warum gibt es diesen Erosionsprozess in der Wahrnehmung des Radios?
Die Branche diskutiert ja derzeit sehr intensiv die Rolle und den Stellenwert des Radios in der Zukunft – im Wettbewerb mit neuen digitalen Medien. Wo und wie es relevant sein und bleiben kann. Vor allem für junge Hörer hat das Radio heute nicht mehr die Bedeutung wie für frühere Generationen. Sicher auch, weil es ein lineares Medium ist und in seiner klassischen Form nur wenig Interaktivität zulässt. Die Jugendlichen von heute sind medientechnologisch viel breiter sozialisiert. Für das Radio ist das alarmierend, wenn es sich damit nicht auseinandersetzt.
Welche Rolle spielte der Pressekodex für Ihr Guidebook?
Der Pressekodex ist ein wichtiger Meilenstein der journalistischen Berufsethik in Deutschland. Allerdings hat er blinde Flecken. Er bildet das Medium Hörfunk mit seinen Besonderheiten nicht ab. Von seiner Geschichte her ist er eben ein Kodex für die gedruckten Medien. Wir wollten den Pressekodex zu einem Radiokodex fortschreiben und um radiospezifische Themen ergänzen. Am Ende nannten wir das Ganze „Radio-Guidebook“, was deutlich weniger staubtrocken klingt.
Warum ist es so wichtig, dass „live“ drin ist, wo „live“ drauf steht?
„Live“ ist die zentrale Qualität von Radio. Es ist das Medium, das mit dem „Jetzt“ verschmelzen kann. Das Radio bietet dieses „im Moment dabei sein“ zuhause ebenso wie unterwegs, ohne dass der Nutzer – wie beim Fernsehen oder bei digitalen Medien - auf einen Bildschirm oder ein Display angewiesen wäre. Das ist das Alleinstellungsmerkmal von Radio, das man sorgsam pflegen sollte.
Radiomacher argumentieren häufig, dass sie aufzeichnen, weil sie dann die Sendung besser planen können. Lassen Sie dieses Argument gelten?
Dafür habe ich großes Verständnis. Die Sender stehen in einem heftigen Wettbewerb zueinander. Sie wollen ihrem Publikum ein makelloses, perfekt produziertes Produkt bieten. Ein Live-Interview mit Blick auf Längen und Inhalte ist unter diesem Aspekt ein Risiko. Dass Programmmacher auf „Nummer Sicher“ gehen und eine geschnittene Fassung vorziehen, ist nachvollziehbar, auch wenn das Ergebnis on-air nur halb so spannend ist. Selbst Details wie die Blenden zwischen zwei Musiktitel werden heute ja oft nicht live gesendet, sondern vorab am Rechner festgelegt und aus dem Sendeplan automatisch abgefahren. Das Alles geschieht wohlgemerkt in bester Absicht. Am Ende ist Radio so aber nur noch eine Perlenschnur, auf die zuvor produzierte Content-Bausteine aufgereiht wurden. Es verliert Spannung. Überraschungen sind ausgeschlossen. Live ist daran nicht mehr viel.
Wo wird noch geschummelt?
Fertig produzierte PR-Beiträge haben im Radio nichts zu suchen. Die aber hat es in der Vergangenheit gegeben. Eine heftige Debatte nicht nur in der Fachöffentlichkeit war die Folge. Auch große TV-Magazine berichteten darüber. Solche Praktiken, die es im Übrigen sowohl bei privaten als auch bei öffentlich-rechtlichen Programmen gibt, schaden der gesamten Branche. Wir verlangen vom Radio unbedingte Authentizität. Die Hörer müssen sich darauf verlassen können, dass ein gebauter Beitrag ein journalistisches Produkt ist und nicht ein Produkt dritter Interessen, ob nun aus der Politik oder der Wirtschaft.
Welche Verantwortung tragen die Radiomacher selber für den Verlust der Glaubwürdigkeit?
Radio hat unserer Auffassung nach zu einem Teil selber Schuld an dieser Entwicklung. Mangelnde Authentizität ist ein Grund. Die Hörer verlieren das Vertrauen zu ihrem Sender und am Ende zum Medium als solchem, wenn sie merken, dass eine „live“ ausgestrahlte Reportage in Wirklichkeit aufgezeichnet war. Aber Vertrauen ist nun mal der Anfang von Allem. Im Radio gibt es eine ganze Reihe von Stilmitteln, die wie selbstverständlich eingesetzt werden, aber bei Licht besehen nicht in Ordnung sind.
Hat sich der Hörfunk in der Vergangenheit nicht ernst genug genommen?
Vielleicht in der Weise, dass der Augenschein, die Oberfläche oft für wichtiger genommen wurden als die Substanz. Aber das ist eine Strategie, die sich höchstens kurzfristig auszahlt. Auf Dauer können Sie keine Relevanz erzielen, wenn Sie nichts zu sagen haben, wenn es keine wertigen Inhalte gibt. Das Radio muss auch an seinem Selbstbewusstsein arbeiten und sagen: „Wir können, was kein anderer kann“, nämlich live und authentisch über Dinge berichten, die Menschen bewegen.
Liegt das schwindende Selbstwertgefühl der Radiomacher vielleicht auch daran, dass sie den Hörfunk immer mehr als Musikabspielmedium verstanden haben?
Radio ist ohne Musik nicht denkbar. Zwar sind Infowellen wie „B5 aktuell“ oder „hr-info“ hochrespektable Produkte. Sie werden aber immer nur abschnittsweise gehört, nicht begleitend über den Tag hinweg. Und im Übrigen auch nur von politischen und wirtschaftlichen Eliten, also einem vergleichsweise kleinen Publikumssegment. Programme, die durch Werbung finanziert werden, sind aber darauf angewiesen, breite Hörerschichten für lange Strecken zu binden.
Sind der Zwang zur Refinanzierung auf der einen und die Wahrung journalistischer Standards auf der anderen Seite für Sie eine Gratwanderung?
Das ist in der Tat nicht einfach. Ein Programm, das sich über Werbung finanziert, muss ein großes und treues Publikum erreichen. Das ist ein Akt der Selbsterhaltung. Am leichtesten schaffen Sie das über Musik. Aus der Sicht der Musikstrategen „stören“ Wortbeiträge. Mittlerweile aber setzt sich mehr und mehr die Überzeugung durch, dass seriöse Information auch für ein privates Radioprogramm unabdingbar ist. Viele Radioprogramme, und im Übrigen in besonderer Weise auch der NRW-Lokalfunk, stellen täglich unter Beweis, dass sie das verstanden haben.
Wie reagieren denn die Kollegen auf ihren Kodex?
Kollegen aus vielen Sendern sind auf uns zugekommen, als sie von unserem Vorhaben hörten. Sie fanden es toll, dass wir Dinge zur Sprache bringen, die bisher allenfalls unter der Hand diskutiert wurden. Aber es gab auch Kritik, wie Sie sich vorstellen können. Tendenziell beschneidet das Guidebook die Bewegungsfreiheit der Senderverantwortlichen. Nachdenklichkeit ist nicht populär. Dabei ist das Radio-Guidebook eine Riesen-Chance für die Branche. Es ist ja kein Sanktionsinstrument. Es geht nicht darum, Verfehlungen der Vergangenheit zu brandmarken. Es ist strikt zukunftsorientiert. Es will das Radio zum Besseren verändern und so seine Zukunft sichern helfen.
Wo wird denn mehr geschummelt, bei den Privaten oder bei den Öffentlich-Rechtlichen?
Die Praktiken, über die wir hier sprechen, finden sich gleichermaßen beim privaten wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das Interview, das am Nachmittag geführt und am nächsten Morgen als „live“ gesendet wird, ist etwas, was es überall gibt. Für die Macher ist das Normalität, sie sehen darin nichts Anstößiges. Zwar geht davon die Welt nicht unter, aber der Hörer wird für dumm verkauft. Das verzeiht er uns nicht. Was wir brauchen, ist mustergültige Authentizität, wenn das Radio eine Zukunft haben soll.
Das Interview führte Bettina Schmieding
Radiokodex auf der homepage der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
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