28.04.2011
Gegen alle Widerstände wochenlang ausharren – dieses klassische Idealbild vom investigativen Reporter war es, das Gerhard Kohlenbach schon früh bewog, eine journalistische Laufbahn einzuschlagen. „In der Tat wollte ich Journalist werden, seit ich 13 oder 14 war. Das war ein wenig dadurch geprägt, dass die damalige Freundin meines älteren Bruders in diesem Bereich arbeitete.“ Und zu den Vorstellungen eines Teenagers vom Berufsbild eines Journalisten gehörten auch intensive Recherchen vor Ort, vielleicht im Ausland, Interviews und Konfrontationen mit unliebsamen Politikern oder mit in zwielichtige Machenschaften involvierten Wirtschaftsbossen.
Solch spannende Momente, ist man versucht zu glauben, könnten Gerhard Kohlenbach heute an seinem Schreibtisch fehlen. Denn sein Job als Chef vom Dienst und Redaktionsleiter von RTL aktuell ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine reine Bürotätigkeit. Und dennoch: Das Motto „Gegen alle Widerstände“ scheint auch hier eine gewisse Berechtigung zu haben – Abwechslung und Spannung inklusive.
Die Welt in Aufruhr
Es ist Sonntag, der 12. März 2011, etwa 20:15 Uhr. Der zweite Tag der dreifachen Katastrophe von Japan ist vorbei. Mehr noch als das Erdbeben historischen Ausmaßes und die zehn Meter hohe Tsunami-Welle hält die Welt die Entwicklung der nuklearen Bedrohungslage in der Industrienation in Atem. Gerhard Kohlenbach hat eigentlich frei – in der Regel füllt an den Wochenenden einer der beiden stellvertretenden Chefs vom Dienst seinen Platz aus. Doch die besondere Nachrichtenlage erzwingt besondere Flexibilität. Nicht nur zusätzliche Redakteure sind um den Konferenztisch versammelt, sondern neben Kohlenbachs Stellvertreter Thorsten Berger auch der Redaktionsleiter selbst. Außer einer verlängerten 18:45-Uhr-Sendung hat die Redaktion gerade eine rund 17-minütige Sondersendung hinter sich gebracht.
„Es gibt an der Aufbereitung heute nicht viel zu meckern“, sagt Kohlenbach am Ende der Schlusskonferenz, „danke für euren Einsatz.“ Zumindest das ist ein Stück Gewohnheit an diesem aufregenden und hektischen Nachrichtentag – die kurze Sendungskritik vom Chef zum Ausklang des Arbeitstags.
Der Chef vom Dienst – kurz: „CvD“
In solchen Momenten kann sich der RTL-CvD auf sein Handwerk verlassen. Obwohl im Berufsfeld des Journalismus nicht nur der Legende nach immer viel Platz für sogenannte ‚Quereinsteiger’ ist, hat Gerhard Kohlenbach eine klassische Journalistenlaufbahn hinter sich gebracht. Journalistikstudium in Dortmund, integriertes Volontariat beim ZDF, Tätigkeiten als freier Redakteur (ZDF „heute“) und bei VOX. Vor knapp 17 Jahren landete der junge Journalist als Planungsredakteur bei RTL aktuell, bevor er zunächst stellvertretender, dann schließlich hauptverantwortlicher Chef vom Dienst wurde.
Als CvD entscheidet Kohlenbach über den Inhalt der gesamten Sendung und die jeweilige Gewichtung der Themen, außerdem nimmt er jeden Text und jeden fertigen Beitrag ab, bevor dieser ausgestrahlt wird. Schon vor der ersten Konferenz um 10:30 Uhr setzt er erste Schwerpunkte – so muss zum Beispiel entschieden werden, ob und wohin Kamerateams zu Drehterminen geschickt werden.
Nachrichtenjunkie im Positiven
Um die Sendung zu „bauen“, so nennt Kohlenbach die Themenselektion und Anordnung, bedarf es nicht nur einer fundierten Allgemeinbildung. „Man muss auch im Positiven fleißig und pedantisch ein, denn ich kann ja nur Sachverhalte beurteilen und die Texte redigieren, wenn ich selber genug darüber weiß.“ Tag für Tag kämpft er sich durch das Dickicht des Agentur-Dschungels, der Hunderte Text-Meldungen und mehrere Stunden Bildmaterial umfasst. Dabei helfen ihm die Kollegen in der Redaktion.
„Denn alles kann ich unmöglich...“, er hält kurz inne, „ja doch, um ehrlich zu sein, lese ich alle Agenturen. Wenn ich um neun Uhr anfange, lese ich bis null Uhr rückwärts, und bis 18 Uhr 45 hab ich von jeder Agentur mindestens die ersten drei Zeilen gesehen.“ Eine gute Portion Leidenschaft, das gibt der 45-Jährige zu, muss man da schon mitbringen – und vor allem ein breitgefächertes Interesse an allen möglichen Themenkomplexen von Politik bis Sport. „Jemand mit einem spezialisierten Wissen wird sich vielleicht schwerer tun als ein Generalist, der das Handwerk gelernt hat und thematisch offen ist.“
Über Pflicht und Kür
Denn thematisch offen wird auch RTL aktuell gestaltet, wobei für den Hauptteil der Sendung, der von ihrem Anfang bis zum Nachrichtenblock reicht, streng nach den Regeln der Relevanz ausgewählt wird. Weltpolitik oder große Naturkatastrophen haben hier ihren festen Platz. „Das ist Pflicht, und wenn ganz viel Pflicht ist, muss die Kür auch mal ausfallen, zum Beispiel bei wirklichen Groß-Ereignissen“, sagt Kohlenbach.
So geschehen bei der Berichterstattung zu den Japan-Katastrophen: Sowohl die Haupt- als auch die Sondersendung am 12. März beschäftigten sich fast ausschließlich mit den dramatischen Ereignissen in dem Land. Nicht nur an diesem Tag wird in den beiden Hauptkonferenzen um 10:30 Uhr und 14:00 Uhr eingehend diskutiert, was inhaltlich alles zu berücksichtigen ist.
Dabei weiß Kohlenbach die langjährige Erfahrung seiner Kollegen zu schätzen: „Alleine entscheide ich mich häufiger falsch als im Diskurs mit anderen, die noch mal andere Argumente einführen, die ich annehmen kann oder auch nicht. Und wenn alle von links nach rechts über den ganzen Tisch sagen, ‚du hast sie nicht alle’, dann wird da am Ende was dran sein.“ Im Zweifel muss sich Kohlenbach allerdings durchsetzen – zur Not eben auch ‚gegen alle Widerstände,’ denn nur so gelingt es, in der Hektik des News-Alltags pünktlich um 18:45 Uhr eine fertige Sendung zu präsentieren.
Professionalität und Moral
Bei aller Professionalität und Erfahrung ist aber auch der Chef nicht vor Fehlentscheidungen gefeit. Kohlenbach erzählt vom Fall eines ertrunkenen Jungen, den ein Feuerwehrmann aus dem Wasser trug – ein Bild, das die Kameras einfingen und das später auch in RTL Aktuell zu sehen war. Obgleich die Persönlichkeitsrechte des Jungen gewahrt waren, da man ihn nicht erkennen konnte, war die Ausstrahlung der Szene in Kohlenbachs Augen moralisch falsch. „Es gab viele Zuschauerzuschriften, wie verroht wir denn seien. Die Kamera war sehr weit weg, aber durch die Haltung des Jungen in den Armen des Feuerwehrmanns war es schon sehr schlimm. Das ist mir an dem Tag durchgegangen, ich weiß nicht, warum. Ich habe mich am nächsten Tag dafür geschämt, dass wir das gesendet haben.“
Ehrliche Worte – dabei kommen solche moralisch nur schwer zu beurteilenden Entscheidungen in jedem Nachrichten-Format immer wieder vor, denn sie sind letztlich auch dem Zugang zu dem Bildmaterial geschuldet, mit dem unter hohem Zeitdruck gearbeitet wird. Die Grausamkeit bestimmter Bilder erschließt sich oft erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung. „Während des Arbeitstages bleibt einem das relativ fern“, sagt Kohlenbach. „Es berührt mich dann abends, wenn ich nach Hause fahre oder im Bett liege.“
Jedoch dient gerade diese professionelle Distanz zu den Bildern als wichtiger Schutzmechanismus zur Gewährleistung journalistischer Sorgfalt: Denn wer emotional zu stark involviert sei, so Kohlenbach, könne nur schwer objektiv berichten.
Der große Konkurrent: das Internet
Allerdings ziehen viele die Vormachtstellung des Fernsehens in Sachen Information mittlerweile in Zweifel. Ein großer Konkurrent sitzt den herkömmlichen Medien im Nacken: das Internet, das schneller auf aktuelle Ereignisse wie die Japan-Katastrophe reagieren kann als jedes andere Medium. Den klassischen Printmedien scheint der Web-Siegeszug schon heftig zuzusetzen: Erreichten die Tageszeitungen in Deutschland 1991 zusammengenommen noch eine Auflage von rund 27,3 Millionen, ging diese Zahl seitdem stetig zurück – bis auf nur noch rund 19,4 Millionen im vergangenen Jahr (Quelle: statista.com).
Experten wie Joachim Trebbe, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Freiburg in der Schweiz, glauben aber nicht, dass Fernsehnachrichten von einer ähnlichen Entwicklung betroffen sein werden. „Rein quantitativ betrachtet erreicht das Fernsehen immer noch die meisten Menschen in Deutschland. Das Internet ist kein Gegenkandidat, hier gibt es kein Angebot, das gleichzeitig bis zu einem Viertel der Bevölkerung erreichen kann. Die Informationsportale im Internet sind heute eher mit Print vergleichbar“, weiß Trebbe. „Der Reiz des Fernsehen ist für viele immer noch das konventionelle Push-Format: Die Redaktionen selektieren, bereiten auf, kommentieren professionell. Blogs, Portale, Social Media bieten Hintergrund und Subjektivität – ein perfektes Zusatzangebot, aber kein Ersatz.“
Die Zukunft der Fernsehnachrichten
Die Analyse des Wissenschaftlers deckt sich mit Kohlenbachs Erfahrungen aus der Praxis. Die Zuschauerzahlen seiner Sendung steigen, was Kohlenbach letztlich auf die konstante Verlässlichkeit von RTL aktuell zurückführt. „Als Zuschauer kann ich mich seit 15 Jahren darauf verlassen, dass Peter Kloeppel mir am frühen Abend das Wichtigste des Tages erzählt.“
Allerdings stellt eine zunehmend globalisierte, immer schnelllebigere Welt die Zuschauer vor immer größere Herausforderungen. Katastrophen mit globalen Implikationen verdrängen nationale und regionale Ereignisse. „Ich glaube, Japan ist deshalb in den Nachrichten so weit oben auf der Agenda, weil die potenzielle Gefahr weit über Japan hinausreicht“, analysiert Joachim Trebbe. Er glaube nicht, dass Fernsehnachrichten sich vor diesem Hintergrund stärker in Richtung Infotainment entwickeln, und auch Kohlenbach hält das für unwahrscheinlich. „Nachrichten werden tendenziell eher härter, also Richtung Hard News gehen – mit mehr erklärenden Elementen, um den Leuten Orientierung zu geben in einer Welt, die für sie in vielen Bereichen immer schwerer zu durchschauen ist.“
Und genau deshalb ist bei RTL eine Nachrichtenfabrik mit Hunderten Beteiligten Tag für Tag im Einsatz. Seit September 2010 wird aus den neuen Studios auf dem alten Messegelände in Köln-Deutz gesendet, und die RTL-Nachrichten haben den Umzug der Senderfamilie genutzt, um das gesamte graphische Layout der Sendungen zu überarbeiten und zu verbessern. Fernsehnachrichten werden sich stetig verändern, so viel ist klar, doch sie bleiben uns wohl erhalten.
Christoph Bietz

Christoph Bietz ist Medien-
wissenschaftler und promoviert derzeit über die Narrativität der Nachrichten. Er arbeitet außerdem im TV-
Nachrichten-Bereich als Redakteur und Reporter und schreibt als freier Journalist über Medienthemen. Email: info@christophbietz.de
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