18.02.2011
Im Essener Astra-Theater wird am 20. Februar zum ersten Mal der Deutsche Webvideopreis verliehen. funkfenster online sprach mit Markus Hündgen, einem der beiden Initiatoren des Deutschen Webvideopreises.
funkfenster online: Sie nennen sich Journalist und Videopunk. Was ist ein Videopunk?
Hüngden: Ein Videopunk gibt sich nicht damit ab, dass Besitzstandsbewahrer entgegen aller Vernunft ihre TV-Pfründe sichern wollen. Das klingt klischeehaft, ist aber glücklicherweise Realität geworden: Die Macht der Bilder liegt nicht mehr bei Sendeanstalten und Medienmogulen. Sondern erstmalig in der Geschichte des Bewegtbildes beim Zuschauer selbst.
Was ist ein Webvideo?
Ich grenze bewusst den Begriff „Webvideo" von „WebTV" ab. Webvideos sind Bewegtbilder im Internet, die auf die Begebenheiten des Mediums eingehen und meistens auch explizit dafür produziert worden sind. Dies geht über das rein handwerkliche Können hinaus. Die zugrundliegende Geisteshaltung macht den Unterschied. Webvideos atmen die frische Luft des Netzes und hüpfen wie ballspielende Kinder über die Wiese, während WebTV hinter einer Sauerstoffmaske kauernd im Wartesaal des HNO-Arztes sitzt.
Warum wurden die Deutschen Webvideotage erfunden?
Um im obigen Bild zu bleiben: weil viele Menschen diese spielenden Kinder nicht ernst nehmen. Die Webvideotage sollen zu Diskussionen über die Zukunft des Bewegtbildes anregen, gleichzeitig aber beide Welten – TV und Web – an einen Tisch bringen. Beide Seiten können sehr viel voneinander lernen.
Wer oder was steckt hinter den Deutschen Webvideotage?
Die Deutschen Webvideotage bringen zwei Veranstaltungen unter einen Hut: Das mittlerweile 3. Videocamp und erstmalig die Verleihung der Deutschen Webvideopreise. Das Videocamp ist eine Unkonferenz basierend auf dem Barcamp-Prinzip. Die Teilnehmer gestalten gemeinsam ihr Tagesprogramm, statt ermüdendem Frontalunterricht wird miteinander diskutiert. Die Webvideotage werden von Stefan Evertz und mir organisiert.
Wie war die Resonanz auf das Freischalten der Homepage?
Das Interesse war bereits im Vorfeld groß. Vom erfolgreichen Start der Seite sind wir aber fast überrollt worden. Für den Webvideopreis wurden innerhalb von zwei Wochen mehr als 4.000 Vorschläge eingereicht. Das Ankündigungsvideo hat auf YouTube in wenigen Tagen über 70.000 Abrufe erhalten.
Warum ist es Ihre Ansicht nach notwendig, Webvideos mit einem eigenen Preis auszuzeichnen?
Ob von Verlagen, Unternehmen oder Privatpersonen: Webvideos sind nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Dennoch werden die meisten Videos, und damit ihre Macher, weiterhin nicht ernst genommen. Über Kinder darf man lächeln und tätschelt ihnen dabei den Kopf. Den Rest übernehmen dann wieder die Erwachsenen, selbst wenn es sich noch so schwer unter einem Sauerstoffzelt atmet. Es gibt herausragende Webvideos, von überaus talentierten Menschen, die in der digitalen Flut untergehen. Mit dem Webvideopreis möchten wir Leuchttürme schaffen und gleichzeitig die fachliche Akzeptanz dieses jungen Mediengenres steigern.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Jury ausgewählt?
Unser Ziel war es, eine ausgewogene Mischung von Bewegtbildexperten beider Spielarten zusammenzustellen. Deswegen finden sich neben reinen Webvideomachern auch gestandene TV-Macher in der Jury. Und einige der Jury-Mitglieder arbeiten bereits heute sowohl im Bereich Webvideo als auch WebTV, kennen demnach beide Welten bestens.
Sie schreiben: "Die Kategorien richten sich nach den Gepflogenheiten im Netz". Welche Videokultur wird denn im Netz gepflegt?
Das Aufsetzen der Kategorien hat uns reichlich Kopfschmerzen bereitet. Für Schubladendenken gibt es im Netz keinen Platz. Deswegen sind die Kategorien bewusst übergreifend angelegt. Eine Dokumentation kann auch eine Serie sein, eine Animation auch lustig. Die Videokultur im Netz ist fast ungreifbar vielschichtig.
Welche Funktion haben die Nutzer bei der Findung der Preisträger?
Zum einen haben die Nutzer durch ihre Vorschläge den Grundstock für die Jury-Arbeit gelegt. Aus den 4.000 Vorschlägen hat die Jury die Nominierten gewählt und wird die Jury-Preisträger bestimmen. Zum anderen wählen die Nutzer in jeder Kategorie mittels Online-Voting ihren Publikumsliebling. Es werden also pro Kategorie zwei Preise vergeben: Der Jury-Preis und der Publikumspreis.
Wie geht es nach der Preisverleihung weiter?
Wir sind einige spannende Kooperationen über die Webvideotage hinaus eingegangen. So wird es das Thema Webvideo auch auf der C'n'B in Köln geben, ebenso auf der c/o pop. Wir möchten mit dem Preis etwas Nachhaltiges schaffen, damit die Leuchttürme noch eine ganze Weile strahlen.
Das Interview führte Bettina Schmieding
Webvideotage die LfM ist Partnerin der Dt. Webvideotage
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