05.04.2011

Die nötige Fallhöhe



LfM-Studie zur Skandalisierung im Fernsehen

Prof. Dr. Margreth Lünenborg

Prof. Dr. Margreth Lünenborg vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin hat gemeinsam mit Wissenschaftlern von "House of Research" in Berlin im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) die Studie „Skandalisierung im Fernsehen“ erstellt. Mit funkfenster online sprach sie über die Ergebnisse.

funkfenster online: Welchen Trend haben Sie in Ihrer Studie über diese TV-Formate erkennen können?

Lünenborg: Einen einheitlichen Trend gibt es nicht. Die Fragestellung war, ob der ökonomische Druck die Fernsehsender verstärkt zu Provokationen greifen lässt. Wir haben herausgefunden, dass es so simpel nicht funktioniert. Wir können keinen generellen Trend zu immer drastischeren, immer härteren dramaturgischen Mitteln erkennen. Man muss genauer hinschauen. Natürlich haben wir Formate gefunden, in denen es verstärkt zu diesen Provokationen gekommen ist – „Deutschland sucht den Superstar“ ist so ein Beispiel – aber es gibt auch Formate, in denen das stagniert oder sogar zurückgeht.

Welches Ziel verfolgen die Sender mit Provokationen?

Die Sender kommunizieren bereits im Vorfeld der Sendungen Szenen, die ein mögliches Potenzial für Skandale bieten. Es geht um eine erhöhte Aufmerksamkeit und letztlich natürlich auch um höhere Zuschauerzahlen. Zu diesem Zweck werden gezielt Protagonisten gecastet und dann als Verlierer ausgestellt. Das schafft die nötige Fallhöhe für die Verlierer, vor der dann letztlich die Sieger besser strahlen können.

Dienen diese Provokationen also letztlich der Steigerung des Profits?

Das ist eine Frage der Interpretation, das kann ich niemandem nachweisen. Letztlich fällt aber auf, dass es ein intensives Wechselspiel zwischen der Berichterstattung in der Boulevardpresse und der Fortführung von Staffeln im Fernsehen gibt. Auf diese Weise wird eine Aufmerksamkeitsmaschine in Bewegung gehalten

Bei welchen Sendungen ist Ihnen das aufgefallen?

Die Sendung „Super Nanny“ ist ein Format, wo wir eine vergleichsweise starke Häufung von Grenzverstößen gemessen haben. Wir haben dieses Format über längere Zeit beobachtet und konnten eine Verschärfung, eine Radikalisierung dieser Muster feststellen. Dagegen konnten wir bei dem Format „Big Brother“, das ja zu Beginn eine hohe Aufmerksamkeit erzielt hat, im Schnitt gar nicht so viele Verstöße feststellen. Wenn man sich aber anschaut, wie mit dem Thema Sexualität dort umgegangen wird, dann können wir erkennen, dass das heute extensiver behandelt wird. Die Kamera ist in der Dusche dichter dran, sexuelle Praktiken werden gefilmt und nur noch im leichten Schlafzimmerschummerlicht etwas nebulöser gemacht. Wir finden dort Bilder, die ästhetisch softpornographische Darstellungen zitieren. Das wird bewusst in der Bildnachbearbeitung gemacht.

Gibt es auch Gegenbeispiele?

Bei „Germany’s Next Topmodel“ ist Nacktheit natürlich stets ein zentrales Thema. Da geht es ganz explizit um das Ausstellen von Körpern. Aber ansonsten finden wir hier, offenbar bewusst, keine „krawalligen“ Szenen. Die Sendung ist in einem Markenwerbungsumfeld, das sich nichts Gutes davon verspricht, in einem unseriösen Umfeld in Erscheinung zu treten.

Die "DSDS"-Jury

RTL kritisiert die Studie. Nach Meinung des Senders stelle man in den Reality Formaten nur das dar, was es auch im richtigen Leben gäbe.

Dahinter steht ein etwas naives Verständnis vom „richtigen Leben“. Fernsehen ist nicht das richtige Leben und bildet es auch nicht ab. Fernsehen liefert eine professionell aufbereitete, dramaturgisch gestaltete Medienwirklichkeit. Da werden ganz bewusst Glockengeräusche in eine Szene eingebaut, in der eine Frau mit üppiger Körperfülle auftritt. Weder bei Nachrichten noch bei der Super Nanny wird Realität abgebildet und am allerwenigsten tut das ein Juror bei „Deutschland sucht den Superstar“. Über die Frage, ob es richtig ist, konfliktbelastete Milieus ins Fernsehen und auch in Reality Formaten zu bringen, darüber kann man jedoch sicherlich diskutieren. Darin sehe ich zunächst einmal ein positives Potenzial dieser Sendungen.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus Ihrer Studie für die Landesmedienanstalten?

Es gibt keine unmittelbar zwingenden rechtlichen Konsequenzen, die sich aus der Studie ergeben. Bei Tabuverstößen haben wir in der Vergangenheit immer wieder Debatten gehabt, ob man solche Formate verbieten sollte. Diese Spirale der Skandalisierung läuft immer wieder nach demselben Muster ab und endet stets folgenlos. Zudem sind die Verbote mit dem hohen Wert der Pressefreiheit in Deutschland nicht vereinbar und das ist auch gut so. Wir empfehlen eher, dass sich die Beteiligten zu Backstage-Gesprächen treffen. Diese Treffen sollten im Vorfeld und außerhalb der Öffentlichkeit zwischen Produzenten, Sendern, Programmverantwortlichen, Jugendschützern und auch gesellschaftlichen Akteuren stattfinden. Das zielt auf einen Konsens über gesellschaftliche Normen ab. Eine weitere Empfehlung, die wir geben, bezieht sich auf die Medienkompetenz. Wir wissen, dass Jugendliche Reality TV natürlich nicht für das richtige Leben halten. Sie reflektieren sehr wohl und wissen Bescheid über dieses Format. Dieses Wissen um die spezifischen Entstehungsbedingungen von Medienprodukten bei Kindern und Jugendlichen muss gestärkt werden. Was bedeutet das für einen DSDS-Kandidaten, in der Show aufzutreten? An was muss man selber denken, wenn man in so eine Situation gerät? Wir haben auch vorgeschlagen, die Werbewirtschaft im Vorfeld in Gespräche einzubinden. Das ist jedoch von allen Beteiligten abgelehnt worden, weil weder Sender noch Medienaufsicht bislang in diesen Punkten mit der Werbewirtschaft kommuniziert haben.

 

Das Interview führte Bettina Schmieding

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Kurzfassung der Studie

Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler, Claudia Töpper: Skandalisierung im Fernsehen. Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten. Berlin (Vistas) 2011. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), Band 65. ISBN 978-3-89158-542-9

 

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