13.07.2010
Beim 6. Trickfilm-Festival NRW im Movie Park Bottrop war alles ein wenig kleiner als bei der Oscar-Verleihung: die goldenen Statuen für die Sieger, die Show, vor allem aber die Künstler! Zwischen vier und 17 Jahre alt sind Nordrhein-Westfalens jüngste Trickfilmer. Etwa 1.500 von ihnen beteiligten sich in den vergangenen zwölf Monaten an einem Wettbewerb, der zu äußerst kreativen Ergebnissen führte. Die eingereichten Beiträge basierten entweder auf einfachen Legetechniken für selbst gemalte Figuren oder auch auf komplizierteren Verfahren wie Knet- und Lego-Animationen. Immer beliebter wird außerdem die Zeitraffer-Realbild-Montage. Für diese sogenannte Pixilation wurde in diesem Jahr erstmals ein Sonderpreis vergeben.
Trickboxxen als Mini-Studios
Das Finale erreichten nur die Trickfilme, die sich zuvor bei neun regionalen Vorentscheidungen durchgesetzt hatten. So flimmerten bei der Endrunde insgesamt 19 Beiträge über die Bottroper Leinwand, die verrückte Geschichten erzählen oder auch zum Nachdenken anregen. Das Publikum erlebte die ersten Abenteuer des Marienkäfermanns, komische Unterwasser-Episoden von zwei fußballverrückten Fischstäbchen oder auch ein Epos von Mädchen, die bei Vollmond nach dem Sprung ins Wasser zu Meerjungfrauen werden. Das sind die Stoffe, aus denen Nordrhein-Westfalens Filmnachwuchs trickreich und mit viel Phantasie Filmgeschichte(n) entwickelt.
Das von der Filmothek der Jugend NRW e.V. veranstaltete Trickfilm-Festival wird vom Land und von der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) gefördert. Bereits vor etwa einem Jahr hatten Erzieher und Lehrer verschiedener Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen damit begonnen, sich für den Umgang mit der Tricktechnik schulen zu lassen. Dabei konnten sie unter anderem auf sogenannte Trickboxxen zurückgreifen. Diese technischen Mini-Studios bieten eine etwa ein Quadratmeter große, gut ausgeleuchtete Fläche, über der eine Kamera fest installiert ist. Mithilfe eines angeschlossenen Laptops können schließlich alle aufgezeichneten Motive dank einer speziellen Software (Stop Motion Pro) aufgezeichnet und montiert werden.
Vom Storyboard bis zur Vertonung
Erste Trickboxxen wurden bereits vor sechs Jahren eingesetzt. Inzwischen können sie an 13 Standorten in ganz Nordrhein-Westfalen ausgeliehen werden. Findige Filmer und kreative Kleinkünstler aber setzen auch andere Verfahren ein, um Einzelaufnahmen so aneinanderzureihen, dass sie sich beim Abspielen des Filmes zu einer perfekt inszenierten Wirklichkeitsillusion zusammenfügen. Da werden ganze Sets aus Lego gebaut. Anderswo bewegen sich Playmobil-Figuren oder Schlümpfe in künstlichen Landschaften.
Medienkompetenz praktisch
Die 190 Filme, die zum 6. Trickfilm-Festival NRW eingereicht wurden, bieten eine breite Palette von künstlerischen Ideen. Als Königsdisziplin gelten real gespielte Szenen, die bei der Aufzeichnung und per Postproduktion in einzelne Standbilder zerlegt und schließlich effektvoll neu montiert werden.
Das Trickfilm-Festival NRW vermittelt den Teilnehmern auf spielerische Weise praktische Medienkompetenz: Kinder und Jugendliche schreiben ein Storyboard, entwerfen und realisieren Figuren und Kulissen, sind für Drehbuch, Kamera und Regie verantwortlich, lernen den Bildschnitt und das Vertonen. „Vor allem das Bewegen der Figuren und das Sprechen hat großen Spaß gemacht“, erzählte die achtjährige Fabienne begeistert einer WDR-Reporterin der Lilipuz-Redaktion.
So macht Schule Spaß!
Jörg Simon, Lehrer am Gymnasium Laurentianum in Warendorf, berichtete bei der Abschlussveranstaltung, Trickfilme könnten auch in der Schule entstehen. So habe er im Kunstunterricht der siebten Klasse insgesamt 23 Projekte angeregt, von denen immerhin zwei das Finale der 18 besten Produktionen erreichen konnten.
„Himmel und Hölle“ für Bohlen und Pooth
Viele der jungen Trickfilmmacher, die ihre Beiträge in Bottrop präsentierten, bewiesen eine erstaunliche Medienkompetenz – oft ohne selbst zu wissen, was Medienkompetenz eigentlich genau bedeutet. So zeigten etwa Mädchen und Jungen der städtischen Kindertagesstätte Brüningheide in Münster, dass filmisches Erzählen nicht nur etwas für erfahrene Profis ist. Sie flogen mit ihrer Spielzeug-Eisenbahn dank Stopptrick und Pixilation rund um die Welt. Sechstklässler der Europaschule Mataré-Gymnasium in Meerbusch engagierten sich mit ihrem englischsprachigen Trick-Spot „The Anti Bullying Company“ gegen virtuelles Mobbing und wurden dafür beim Online-Voting, an dem sich etwa 3.000 Internetnutzer beteiligten, mit dem Publikumspreis belohnt.
Globale Erwärmung
Die Wettbewerbs-Jury, die aus sechs jungen Filmkritikern des Online-Magazins Spinxx.de aus Gelsenkirchen bestand, vergab schließlich drei erste Preise: In der Altersklasse bis sechs Jahre thematisierten junge Filmemacher einer Bildungseinrichtung für Kinder in Dortmund (FABIDO) erfolgreich die Klimakatastrophe, indem sie zwei Pinguine von ihrer schmelzenden Eisscholle aus auf Weltreise schickten.
Trick-Spezialisten im Alter zwischen sieben und 13 Jahren der Dortmunder Osterfeld-Grundschule knetete Würmer und ließen sie per Animation lebendig werden. Jugendliche aus Münster schließlich siegten in der Altersgruppe der 13- bis 17-Jährigen mit ihrer bissigen Parodie „Himmel und Hölle“ auf die Show-Business-Größen Dieter Bohlen, Verona Pooth und Heidi Klum.
Echte Knete für die Sieger
Die Trickfilme der Sieger überzeugten gleichermaßen durch handwerkliches Geschick, gute Bildideen und eine gelungene Vertonung. „Ich habe mich gefreut, so viele Nachwuchs-Talente zu entdecken“, lobte Prof. Christina Schindler. Die Trickfilm-Expertin von der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam gab den Festival-Teilnehmern praktische Tipps und sprach dem Münsteraner Trickfilm „Himmel und Hölle“ noch einen Sonderpreis in der Kategorie Pixilation zu.
Alle Final-Teilnehmer erhielten in Bottrop schließlich eine Urkunde und die Sieger spezielle Sachpreise, die bei künftigen Produktionen die Arbeit erleichtern sollen. Die Palette dabei reichte vom Workshop mit Profis über ein spezielles Aufnahmegerät bis hin zum wichtigsten Grundstoff vieler Trickfilm-Produktionen: der Knete – echter natürlich.
Matthias Kurp
Die Preise beim 6. Trickfilm-Festival NRW im Einzelnen...
Kategorie bis 6 Jahre:
1. Preis: Familienergänzende Bildungseinrichtungen für Kinder in Dortmund (FABIDO) für den Beitrag „Fritz und Fred“
2. Preis: Städtische Kindertagesstätte Brüningheide Münster für den Beitrag „Der fliegende Zug“
3. Preis: Integrative Kindertagesstätte am Pappelweiher Aachen für den Beitrag „Märchenfilm“
Kategorie bis 13 Jahre:
1. Preis: OGS Osterfeld-Grundschule Dortmund für den Beitrag „Wurm in Not“
2. Preis: Mataré-Gymnasium Meerbusch für den Beitrag „ABC – The Anti Bullying Company“
3. Preis: Städtisches Jugendzentrum Nottkampstraße Gelsenkirchen für den Beitrag „Ball Ahoi!“
Kategorie bis 17 Jahre:
1. Preis: Spinxx.de-Redaktion Münster für den Beitrag „Himmel und Hölle“
2. Preis: Maria-Stemme-Berufskolleg Bielefeld für den Beitrag „Du und Ich“
3. Preis: Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule Bergkamen für den Beitrag „Ich gehör nur mir“
Sonderpreis „Pixilation“:
- Spinxx.de-Redaktion Münster für den Beitrag „Himmel und Hölle“
- lobende Erwähnung in der Kategorie „Pixilation“: Städtisches Gymnasium Bayreuther Straße Wuppertal für den Beitrag „112 Gymberg“
Hier können sämtliche Beiträge des 6. Trickfilm-Festivals NRW angeschaut werden.
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