26.01.2010

Experimentieren erwünscht



Der TV-Lernsender.NRW in Dortmund zeigt Studierenden und Bürgern, wie man Fernsehen macht - gefördert von der LfM.

"Kamera zwei, bitte heller stellen. Zieht doch mal die Blende auf. Eike, du bist nicht ganz scharf." Angespannte Stimmung im Fernsehstudio des TV-Lernsenders in Dortmund. Regisseur Markus Hoheisel gibt letzte Kommandos an das Team, die Stimmung am Set schwankt zwischen, "Ey, alles easy" und "Nee, Kinder, so kann ich nicht arbeiten". Studierende wuseln zwischen Kabeln und Kameras hin und her, es wird noch gerückt, gemessen und gefegt.

Moderator Benedikt Borchers mit Studiogast Jörg Schönenborn, WDR (v.l.). ©Opitz

Gemeinsam haben die 20- bis 25-Jährigen eine Kulisse aufgebaut. An mehreren Tischchen sitzen junge Leute in Clubsesseln wie in einem Café. Moderator Benedikt Borchers gibt den Kellner mit kunstvoller Haartolle und bodenlanger Schürze. Er kommt moderierend und Tablett schwenkend von der Seite ins Bild. Das Studio ist echt, die Kameras sind echt und auch die Aufzeichnung ist echt. Was die Studierenden der Universität Dortmund hier fabrizieren, ist ihre erste richtige Fernsehproduktion und soll tatsächlich mal auf Sendung. Ausgestrahlt wird das Ganze als "Zoom. Das Mediencafé" im Programm des TV-Lernsender im nordrhein-westfälischen Digital-Kabelnetz von Unity Media."

Training on the job

Der Lernsender ist Teil des dreijährigen Pilotprojekts "Ausbildungs- und Erprobungsfernsehen" der Landesanstalt für Medien NRW (LfM). Gestaltet und koordiniert wird der Sender vom Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Hier wird, am lebenden Objekt sozusagen, Fernsehalltag vermittelt. Sieben Tage in der Woche läuft das Programm, das ausschließlich von den Dortmunder Studierenden und von Bürgern aus Nordrhein-Westfalen bestückt wird.

Chefredakteur Stefan Malter. ©TV-Lernsender.NRW

"Einer meiner Favoriten im Programm ist der ‚Bundesmoderator‘", erzählt Chefredakteur Stefan Malter. "Eigentlich ist er Altenpfleger und heißt Marc Jansen." Der Bundesmoderator ist sehr fleißig und schickt jede Woche eine Sendung. Mal versucht Jansen das Rätsel des Zauberwürfels zu lösen, mal nimmt er die Zuschauer mit zum Schuhekaufen. "Nicht immer weltbewegend, aber immer charmant und witzig", findet Stefan Malter.

Jeder kann mitmachen

Das Projekt will Fernsehen für alle Menschen in NRW zugänglich machen. Und das ist durchaus wörtlich gemeint. Hier werden Videos einer Seniorengruppe aus Salzkotten genauso ausgestrahlt wie die TV-Sendungen von Kindern und Jugendlichen aus Bielefeld und Münster. "Wir sind grundsätzlich wohlwollend und leben davon, dass alle mitmachen können", erklärt Stefan Malter und berichtet, dass die meisten Zulieferer dankbar seien für Tipps.

Die angehenden Medienprofis des Journalistik-Studiengangs in Dortmund schmeißen den Laden weitgehend in Eigenregie. Sie sichten das zugelieferte Material und ergänzen das Programm durch eigene Ideen. Wie die des Mediencafés. "Es gibt ja nur ein richtiges Medienmagazin im deutschen Fernsehen", sagt Benedikt Borchers und meint die NDR-Sendung ZAPP. Die Studenten wollten etwas eigenes schaffen und haben ein Konzept für "Zoom. Das Mediencafé" erstellt.

Aller Anfang…

Es ist die erste Studioproduktion, die die Studierenden stemmen. Und natürlich geht nicht alles glatt. Aufgezeichnet wird erst eineinhalb Stunden später als gedacht, zwischendurch stürzt der Regiecomputer ab, Stargast Jörg Schönenborn wartet geduldig auf seinen Auftritt.

© Opitz

"Moderator Benedikt Borchers nimmt seine Aufgabe ernst und traut sich was. "Mischt sich Ministerpräsident Rüttgers eigentlich manchmal in ihr Programm ein", will der angehende Journalist vom WDR-TV-Chefredakteur Jörg Schönenborn wissen. Und wie er überhaupt die Einflussnahme der Politiker im Fall des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender fand? Schönenborn nimmt sich die Zeit und antwortet geduldig. Auch er ist Absolvent der TU Dortmund und gesteht, dass er eigentlich gar kein Journalist werden wollte."

Ideale Bedingungen

Gebannt verfolgen Benedikts Kommilitonen von den Zuschauerrängen aus die Sendung. 200 Menschen passen hinein in das Studio, das früher tatsächlich von einer privaten Fernsehfirma für TV-Produktionen benutzt wurde – aber das war zu einer Zeit, als Dortmund der aufgehende Stern am NRW-Medienhimmel werden sollte. Heute beherbergen die roten Backsteingemäuer der ehemaligen Dortmunder Stifts-Brauerei neben dem Lernsender auch ein Fitnesstudio und einen Kletterpark. Gleich nebenan entsteht just da, wo früher das Phönix-Stahlwerk stand, ein Naherholungsgebiet mit Stausee.

Programmdirektor Michael Steinbrecher

Das Ruhrgebiet ist im Umbruch und zu diesem Strukturwandel will auch die Universität Dortmund beitragen. "Wir richten unseren Studiengang Journalistik an der Realität aus", erklärt Prof. Dr. Michael Steinbrecher, der den Lernsender als Programmdirektor betreut. "Wir waren nie ein Ausbildungslabor, sondern immer ein Fachbereich mit konkreter Praxiserfahrung."

Kurze Wege

Steinbrecher hat, genau wie Jörg Schönenborn, in Dortmund Journalistik studiert. Der ZDF-Moderator sieht den TV-Lernsender auch als Formatschmiede. "Hier geht alles viel schneller, viel unhierarchischer als in einem großen Fernsehsender." Normalerweise dauere es ewig, bis eine Idee realisiert werde. "Große Sender testen, prüfen und testen noch einmal." Dann gebe es eine Pilotsendung und am Ende gehe bestenfalls ein kleiner Teil der Idee auf Sendung. "Bei uns ist das anders. Wir bieten Raum für Experimente und zum Erfahren des Mediums Fernsehen", betont Michael Steinbrecher.

Alltagsbedingungen

Stefanie Opitz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und beim Lernsender für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Das Konzept des Fachbereichs gehe auf, sagt sie. Von beschützter Werkstatt könne nicht die Rede sein. "Alle unsere Absolventbefragungen haben ergeben, dass die meisten nach dem Examen nahtlos in die Berufstätigkeit übergehen", erkärt Opitz. Das führt sie vor allem auf den Praxisbezug der Ausbildung zurück. Schließlich absolviere jeder Studierende ein Volontariat und erhalte Zusatzqualifikationen in den verschiedenen Lehrredaktionen des Fachbereichs. "Die haben einen prall gefüllten Rucksack, wenn sie bei uns fertig sind", betont Stefanie Opitz.

Jennifer Dacqué schminkt Moderator Benedikt Borchers.

Zurück ins Studio. "Ich bin viel zu beschäftigt, um aufgeregt zu sein", hat Moderator Benedikt vorher in der Maske gesagt. Nervös ist der Moderator dann doch ein bisschen, das Einspielen der Beiträge läuft nicht rund und die Beschallung des Studios ist entweder ohrenbetäubend oder nicht existent. Aber das Publikum rast und die angehenden Medienprofis sind alle mit Feuereifer bei der Sache. Am Ende ist "Zoom. Das Mediencafé" im Kasten. Und das haben sie alleine geschafft, die zwanzig Studenten vom Dortmunder TV-Lernsender.

Bettina Schmieding

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