06.05.2008
Interessierte Sender konnten bis zum 30. April ihre Pläne in Bezug auf digitale Programmangebote bei der Landesmedienanstalt Saarland LMS melden. Die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten DLM will daraus den Bedarf an digitalen Übertragungskapazitäten ermitteln und regulatorische Maßnahmen entwickeln. Der DLM-Vorsitzende Thomas Langheinrich, Präsident der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK), im Gespräch mit funkfenster online:
funkfenster online: In welchem Zustand befindet sich das Digitalradio zurzeit?
Langheinrich: „DAB alt“, das digitale Radio, das mit großen Erwartungen verbunden 1999 gestartet ist, ist kein Erfolg geworden. Diese Technologie wird zurzeit zwar noch in einigen Bereichen in Deutschland zum Empfang von privatem Hörfunk genutzt. Jedoch wird „DAB alt“ überwiegend vom öffentlich-rechtlichen Radio in Anspruch genommen.
Was hat dazu geführt, dass sich DAB nie wirklich durchgesetzt hat?
Das hat viele Gründe. Zum einen liegt es daran, dass „DAB alt“ nur mit einer geringen Sendeleistung ausgestrahlt werden konnte. Diese genügte zum Beispiel nicht, um in Häusern eine ausreichende Empfangsqualität zu erzielen. Andererseits hatte man vor allem am Anfang das Problem, dass es nicht genügend Empfangsgeräte gab. Dieses Problem ist dem berühmten „Henne-Ei- Prinzip“ geschuldet. Die Geräteindustrie sagte, dass zunächst das System marktreif sein müsse, bevor man passenden die Geräte bauen wolle. Die Rundfunkveranstalter und die Sendernetzbetreiber sagten: Wir bauen erst aus, wenn wir die Geräte haben, die DAB empfangen können.
Welche Rolle spielte die Automobilindustrie bei diesem „Henne-Ei-Problem“?

Am Anfang hat sich die Automobilindustrie sehr schwer getan, DAB-Geräte einzubauen, zumal am Anfang auch noch gar keine entsprechenden Empfänger zur Verfügung standen. Was vor allem fehlte, waren Geräte, die Bestandteil des Modellkonzepts des Autoherstellers waren und schon bei der Produktion in die Neuwagen eingebaut werden konnten. Mittlerweile jedoch kann man diese DAB-alt-Geräte bei den großen deutschen Automobilhersteller bestellen und einbauen lassen. Um die Kunden, die sich früh für diese Technologie bei ihren Autoradios entschieden haben, nicht zu verprellen, fordern die Autohersteller jetzt, dass „DAB alt“ nicht abgestellt werden darf oder zumindest nach einer langen Übergangszeit. Das halte ich aus Kostengründen nicht für realistisch.
Stirbt „DAB alt“ aus Ihrer Sicht?

Ich glaube, „DAB alt“ ist nie richtig lebendig gewesen. Am Anfang wollte man die Hörerinnen und Hörer mit dem Versprechen: „DAB ist toll, weil es wie eine CD klingt“ gewinnen. Das hat nicht ausgereicht. Man braucht als Nutzer einen Mehrwert, ein differenziertes Angebot von vielen Radiosendern. Und genau diese Bandbreite an Sendern hat es, vor allem im Vergleich zum UKW-Empfang, beim „DAB alt“ nie gegeben.
Warum hat es diese Programme nicht gegeben?
Auch hier galt das „Henne-Ei-Prinzip“: Solche Angebote sind teuer, und wenn man keine Hörer hat, kann man sie erst mal nicht refinanzieren. Außerdem hat eine echte gemeinsame Marketingstrategie gefehlt. Bei DVB-T, dem digitalen Antennenfernsehen, hat es dagegen geklappt, weil es einen solchen Mehrwert, das heißt eine Vielzahl an Programmen, gab. Außerdem wurde die analoge Ausstrahlung der Sender abgestellt. Die Nutzer hatten also keine Wahl, als sich auf DVB-T einzulassen, es sei denn, sie hätten sich für den Satellitenempfang oder für kostenpflichtiges Kabelfernsehen entschieden.
Welche Vorteile hat „DAB neu“?
Wir haben seit der internationalen Wellenkonferenz 2006 im so genannten „Band III“ eine Frequenzsituation, die viel mehr Leistungsstärke bietet. Außerdem haben wir jetzt eine viel größere Kapazität als früher mit „DAB alt“. Uns steht heute eine bundesweite Bedeckung mit etwa 15 Programmplätzen zur Verfügung. Wer also von Friedrichshafen bis Flensburg im Auto fährt, kann durchgehend ein Programm auf demselben Kanal hören.
Welches Ziel verfolgt dieser „Call for Interest“, die Anhörung von Radioveranstalter zum Digitalradio?
Wir möchten den Prozess in Richtung „DAB neu“ auf eine gemeinsame Basis stellen. Dieses Anhörungsverfahren dient dem Ziel, erstmals bundesweites privates Radio zu etablieren. Das Konsultationsverfahren richtet sich also zunächst an die privaten Hörfunkveranstalter, die bundesweit Radio machen wollen. Darüber hinaus soll das Verfahren auch länderübergreifenden Bedarf abfragen, wie beispielsweise bei „Big FM“, die nur in einem Teil Deutschlands, allerdings länderübergreifend, senden möchten. Die lokalen/regionalen Veranstalter sollen beim neuen Digitalradio natürlich auch dabei sein. Darum bemühen wir uns in unterschiedlichsten Anhörungsverfahren auf Landesebene.
Welche Rolle werden die öffentlich-rechtlichen Sender für das Digitalradio spielen?
Das ganze Vorhaben zur Etablierung des digitalen Radios der Zukunft wird nur funktionieren, wenn alle Beteiligten diesmal an einem Strang ziehen. Das kann nur klappen, wenn öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk gemeinsam dabei sind. Nach der Auswertung des Call for Interest müssen wir zu einer gemeinsamen Verabredung mit den öffentlich-rechtlichen Hörfunksendern kommen. Wir müssen herausfinden, wann und in welcher Form sie bei der Entwicklung des Digitalradios dabei sein können. Radiohörer werden digitalen Hörfunk nur nutzen, wenn Private und Öffentlich-Rechtliche dabei sind.
Welche Konsequenzen hat die Reduzierung der Rundfunkgebühren durch die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs) für die Entwicklung des Digitalradios?
Die KEF ist dafür ja viel gescholten worden. Allerdings kann man jetzt, mit einigem zeitlichen Abstand, sagen, dass die KEF-Entscheidung folgendes deutlich gemacht hat: Die alte Methode der öffentlich-rechtlichen Sender, mit DAB einfach weiterzumachen und vielleicht irgendwann eine neue Technologie zu entwickeln, hat nicht funktioniert. „DAB alt“ war einfach nicht marktfähig. Die KEF hat gesagt, das Projekt muss beendet werden. Und bevor etwas Neues beginnt, müssen die Beteiligten an einen Tisch. Wenn man die KEF so verstehen könnte, dann liegen wir alle auf derselben Linie.
Wie groß ist denn die Gefahr, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich aufgrund von Geldmangel gar nicht mehr am Projekt „Digitalradio“ beteiligen können?
Die KEF hat ja den Sendern durchaus Entwicklungsmöglichkeiten in Bezug auf das Digitalradio gelassen. Außerdem: Wenn die öffentlich-rechtlichen Sender es wirklich wollen, dann werden sie aus den acht Milliarden Euro Rundfunkgebühren eine Summe bereitstellen können, um einen gemeinsamen Start des Digitalradios zu ermöglichen.
Welche Technologie wird Ihrer Meinung nach das Rennen machen?
Digitales Radio kommt heute in vielfältiger Weise daher. Denken wir nur daran, dass Hörfunk per Internet gang und gäbe ist. Auch per DVB-H, dem mobilen Fernsehen für Handhelds, und über DVB-T können Radioprogramme übertragen werden. Gemessen am bisherigen Verständnis der Radionutzer, was Hörfunk eigentlich ist, sind diese Technologien aber nicht vergleichbar mit den Möglichkeiten, die „DAB plus“ bietet. Experten sind sich einig, dass nur „DAB plus“ die Gattung Hörfunk in die digitale Welt in einer Form überführen kann, die UKW verbessert.
Das Interview führte Bettina Schmieding
Um Digitalradio in NRW erfolgreich einzuführen, führt die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) seit Februar 2008 ein öffentliches Konsultationsverfahren durch. Damit sollen unter Berücksichtigung der spezifischen Lokalradio-Strukturen in Nordrhein-Westfalen konkrete Ansätze zur Einführung von digitalem Hörfunk in NRW mit Beteiligten und Interessierten gemeinsam entwickelt werden. Am 8. Mai fand dazu eine Anhörung in Köln statt.
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