06.08.2010

Praktikum bei einem nordrhein-westfälischen TV-Sender: Für Student Patrick (Name geändert) hieß das fünf Monate Vollzeit in der Redaktion zu arbeiten. Seine Aufgaben entsprachen denen anderer Mitarbeiter. Lohn gab es dafür keinen. Ob in dem Sender viele Praktikanten arbeiten? „Der ganze Laden besteht nur aus Praktikanten“, sagt er. „Ohne die würde da gar nichts laufen.“ Die Mindestdauer für ein Praktikum bei dem Sender beträgt drei Monate, berichtet der Student.
Freiwild
Erfahrungen, wie Patrick sie gemacht hat, sind zwar nicht unbedingt die Regel, jedoch in Medienunternehmen auch nicht die Ausnahme. Viele Arbeitgeber setzen ihre Praktikanten wie einen normalen Arbeitnehmer ein, bei teilweise mehr als vierzig Wochenstunden.
Statt jedoch wie ein Vollzeit-Arbeitnehmer bezahlt zu werden, müssen sich Praktikanten meist mit einem kleinen „Taschengeld“ begnügen. Studien zufolge verdienen sie im Schnitt weniger als 600 Euro im Monat. Jeder zweite bekommt sogar gar nichts.
Wer genauer hinsieht, der kann schon auf den ersten Blick erkennen, wo ein solcher „Ausbeutungsjob“ lauert. „Praktikumsdauer 12 Monate, Arbeitspensum 100 Prozent, Entlohnung: auf Praktikumsniveau“, heißt es beispielsweise in der Online-Ausschreibung eines deutschsprachigen Fernsehsenders.
Ewige Praktikanten
Das Phänomen ist Namensgeber für eine ganze Altersgruppe: Die „Generation Praktikum“. Seit den 1990er-Jahren steigt die Zahl junger Leute in ungesicherten beruflichen Verhältnissen, die vermehrt unbezahlten oder unterbezahlten Tätigkeiten nachgehen müssen. Der Begriff hat es bei der Wahl zum Wort des Jahres 2006 auf den zweiten Platz geschafft. Im vergangenen November war die Generation Praktikum Thema des Kinofilms „Résiste – Aufstand der Praktikanten“, mit dem Filmstudent Jonas Grosch in seinem Diplomfilm versuchte, auf die Problematik aufmerksam zu machen.
Wirklich ein Einstieg?
Besonders problematisch ist die Situation oft für Studienabsolventen, die nicht unmittelbar nach dem Examen einen Arbeitgeber finden. Mangels Alternative oder aus Hoffnung auf eine spätere Festanstellung beginnen knapp vierzig Prozent ihren Berufseinstieg mit einem oder mehreren Praktika, heißt es in einer Studie des Jugendverbands des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB-Jugend) und der Hans-Böckler-Stiftung.
Fast die Hälfte der Befragten gibt darin an, dass ihre Arbeit als Praktikant fest in die Unternehmensarbeit eingeplant war. Das Lernen stand nur bei jedem Dritten im Vordergrund. Genauso wenige bekamen zum Abschluss des Praktikums ein Angebot für eine weitere Beschäftigung.
Juristische Unterstützung
Aber kein Praktikant muss sich hierzulande ausbeuten lassen. Das Arbeitsgericht Kiel urteilte im August 2009, dass ein Praktikant als normaler Arbeitnehmer vergütet werden muss, wenn im Praktikum nicht der Ausbildungszweck im Vordergrund steht, sondern die reine Arbeitsleistung überwiegt. Ein kleines „Praktikantengehalt“ von wenigen Hundert Euro sei dann sittenwidriger Lohnwucher. Die gute Nachricht: Betroffene können auch nachträglich ein volles Arbeitnehmergehalt einklagen. Denn bei der Art des Arbeitsverhältnisses komme es nicht auf die Bezeichnung „Praktikantenvertrag“ an, sondern auf die tatsächlich geleistete Arbeit.
Initiative der Medienbranche
Um die Qualität und die Bedingungen speziell der journalistischen Praktika zu verbessern, haben sich die Jugendpresse Deutschland, der Deutsche Journalisten-Verband und die Deutsche Journalistinnen- und Journalistenunion in ver.di zur „Praktika-Offensive“ zusammengeschlossen.
Die Partner geben eine Reihe von Empfehlungen heraus, an denen sich Praktikanten und Praktika-Betreuer orientieren sollten. Dazu gehört beispielsweise, dass vor Beginn des Praktikums ein Vertrag geschlossen werden sollte, in dem Dauer, Lernziele des Praktikums, Betreuer/in, Vergütung, Zugriff auf einen Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Urlaub, Krankheitsregelungen, Haftung und Urheberrecht geregelt werden. Zudem sollen Praktikanten eine leistungsgerechte Vergütung bekommen und journalistische Beiträge vergütet werden.
Gutes Geld für gute Arbeit
Die Länge des Praktikums sollte laut Praktika-Offensive sechs Monate nicht überschreiten. Nach Meinung der DGB-Jugend ist selbst das zu lang. Nach drei Monaten sei der Zeitpunkt gekommen, an dem der Praktikant eingearbeitet ist und dem Unternehmen als volle Arbeitskraft zur Verfügung stehe. Zu Lernen gäbe es von da an nichts mehr. Als Gehalt für Praktikanten sieht die DGB-Jugend mindestens 300 Euro im Monat als angemessen an, Studienabsolventen sollten das Doppelte bekommen.
Wichtig sei auch ein qualifiziertes Zeugnis am Ende des Praktikums, das von der Betreuungsperson oder der Geschäftsführung unterschrieben ist. Die vollständigen Empfehlungslisten der Praktika Offensive und der DGB-Jugend sind auf den jeweiligen Websites der Organisationen zu finden. Auch der Verein Fairwork e.V. gibt auf seiner Website jungen Akademikern hilfreiche Ratschläge für die Suche nach einem fairen Praktikum.
Axel Hahne
Bundesministerium für Arbeit und Soziales zum Thema „Praktikum“
Spiegel Online zur Generation Praktikum
Richtlinien der Praktika Offensive
Praktika-Check der DGB-Jugend
WEITEREMPFEHLEN
Faceboox
Twitter
E-Mail