31.08.2010

Stefan Fröhlich ist 29 Jahre alt und studiert Geisteswissenschaften, so wie außer ihm fast eine halbe Million junger Menschen in Deutschland. Und wenn Stefan Fröhlich in absehbarer Zeit seinen Magisterabschluss in der Hand hält, ist er einer unter Tausenden, der sich Gedanken über seine Berufswahl machen muss. Darauf ist er allerdings schon vorbereitet: „Ich könnte mir gut vorstellen, nach dem Studium redaktionell zu arbeiten.“ Und deshalb hat sich Stefan Fröhlich vor fünf Jahren sofort beworben, als er von der Ausschreibung für einen Nebenjob im RTL-Nachrichtenbereich erfuhr. Seitdem ist er ‚Feedie’ – ein Studentenberuf, von dem sich außerhalb des Senders nur wenige eine Vorstellung machen können.
Bilderwald und Bildbeobachtung
Der gigantische RTL-Server wird im Minutentakt mit der wichtigsten Grundlage der Fernsehnachrichten gespeist: Bildmaterial aus aller Welt, von verschiedenen Agenturen und Anbietern, teils vom Sender gekauft, teils von eigenen Reportern und Kamerateams gedreht. Hierher werden täglich etwa 150 Stunden Material mittels Satelliten, Standleitungen oder Internet überspielt.

Um in dieser Materialmasse den Überblick zu behalten, gibt es im Sender die Abteilung ‚Bildbeobachtung.’ Dazu gehören auch etwa vierzig Feedies wie der Student Stefan Fröhlich. „Feed heißt ja eigentlich füttern“, erklärt er. „Die Bildagenturen ‚füttern’ uns mit neuem Material, das automatisch auf dem Server aufgezeichnet wird.“ Eine abonnierte Bild-Lieferung wird also ‚Feed’ genannt – und ‚Feedie’ ist zur umgangssprachlichen Berufsbezeichnung für die Studenten geworden, die jeden Tag als erste mit dem Bildmaterial in Berührung kommen.
Es war einmal ein Notjob
Weil rund um die Uhr Bildmaterial auf dem Server einläuft, ist auch rund um die Uhr immer mindestens ein Feedie im Sender, und das an jedem Tag im Jahr. Mittlerweile gilt es täglich 13 Feedie-Schichten zu besetzen. Das war nicht immer so. Denn der Job wurde 1997 eigentlich aus der Not heraus geboren. Auch damals wurden im Leitungsbüro schon die Agentur-Feeds auf Magnetbändern mitgezeichnet. Im Laufe der Zeit stieg die Zahl der Feeds rapide an, so dass die Sichtung von den Redaktionen alleine nicht mehr zu bewerkstelligen war. „Mit dem Tod von Lady Diana fing es dann an“, berichtet Simon Hof, der Leiter der Bildbeobachtung. „Das geschah abends, und dann hat man einen Werksstudenten beauftragt, die Bildagenturen im Auge zu behalten, um gleich reagieren zu können, wenn es die ersten Bilder von dem Unfall geben würde.“
Etablierter Aufgabenbereich
Mittlerweile ist das Aufgabengebiet gewachsen: Die Feedies versehen jeden Feed mit Metadaten wie zugehörigen Ortsmarken, Namen von Interviewpartner und Schlagwörtern, so dass Redakteure Bilder zu bestimmten Themen leicht finden können. Außerdem sind die Feedies zuständig für das Herunterladen von Bildmaterial aus dem Internet und zeichnen ausländische Nachrichtensendungen auf.

„Hier müssen wir auch beurteilen, wann etwas wirklich interessant sein könnte und dann die Redaktionen darüber informieren, was wir gesehen haben“, sagt Fröhlich. Denn als Feedie habe man oft die beste Übersicht über das gesamte Material – man sei gewissermaßen der „Herr der Bilder“, fügt er hinzu, nicht ganz ohne Stolz.
An der Schleuse zum Weltgeschehen
Und so sind die Feedies für den RTL-Nachrichtenapparat mittlerweile unverzichtbar. Stefan Fröhlich und seine Kollegen sitzen direkt an der Schleuse zum Weltgeschehen: Egal ob Flutkatastrophen, G8-Gipfel oder Kriegsgefechte in Afghanistan – inmitten dieser noch ungefilterten Bilderflut sind die Feedies ein wichtiger Kompass für die Nachrichtenfabrikation eines der größten TV-Sender Deutschlands. „Das ist bei uns zwar ein Einstiegsjob für Studenten, aber er ist mit einer sehr großen Verantwortung verbunden“, weiß Simon Hof. Und wenn es tagtäglich heißt „18 Uhr 45, hier sind die Nachrichten bei RTL“, dann sehen auch die vierzig Feedies das Ergebnis ihrer Arbeit auf den Fernsehschirmen.
Christoph Bietz

Christoph Bietz ist Medien-
wissenschaftler und promoviert derzeit über die Narrativität der Nachrichten. Er arbeitet außerdem im TV-
Nachrichten-Bereich als Redakteur und Reporter und schreibt als freier Journalist über Medienthemen. Email: info@christophbietz.de
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