19.11.2010

Offiziell scheidet Rainer Zimmermann ja erst Mitte 2012 aus. Dass Rainer Zimmermann dennoch seit etwa einem Jahr nicht mehr auf dem Chefsessel von Radio Duisburg sitzt, lässt ihn schmunzeln: „Das liegt an der Altersteilzeitregelung der WAZ-Gruppe“, erklärt der 61-Jährige. Als er vor zwei Jahren gespürt habe, dass „der Akku schon ein bisschen leer war“, habe er eine besondere Klausel seines Arbeitsvertrages genutzt. Zimmermann profitierte davon, dass er 1998 beim Wechsel von der NRZ-Lokalredaktion zu Radio Duisburg wichtige Privilegien, die sonst nur Zeitungsleuten zustehen, behalten durfte. „Deshalb habe ich dann nachgefragt, ob auch die Altersteilzeit-Regelung der Printredakteure für mich gilt; am Ende wurden wir einig; dafür habe ich aber auch finanzielle Abstriche in Kauf genommen“, erklärt Zimmermann.
Pressearbeit für den FCR Duisburg
Inzwischen ist der Akku des ehemaligen Chefredakteurs längst wieder aufgeladen. Im Sommer gönnte er sich vier Wochen auf einer Segelyacht im Mittelmeer und reist jetzt viel als Pressesprecher der erfolgreichen Fußballerinnen des FCR Duisburg um die Welt. Wenn „seine“ Damen bei Auswärtsspielen zu Gast in Kasachstan oder anderen weit entfernten Ländern Osteuropas sind, schreibt der gelernte Journalist auch schon mal ein paar Zeilen für Presseagenturen.
Bereits seit Mitte 2009 tourt der erklärte Fußball-Fan, der auch Anhänger des MSV Duisburg ist, mit dem Damen-Team von Spiel zu Spiel. Zimmermann organisiert Pressekonferenzen und -mitteilungen des FCR Duisburg, pflegt Kontakte zu Journalisten und freut sich über jeden Sieg. Titel wie „Sturmböen über Jütland: Fortuna-Coach hofft auf gute Laune beim lieben Gott“ sind typisch für Zimmermanns Schreibstil. Am meisten gejubelt hat er natürlich, als das Team um Nationalstürmerin Inka Grings im Mai 2009 den Uefa Women’s Cup gewann.

Journalismus und Sport: Diese beiden Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch die berufliche Laufbahn des begeisterten Tennisspielers. Bereits Anfang der 1970er-Jahre berichtete er gleich nach seinem Volontariat als freier Mitarbeiter der Westdeutsche Allgemeinen Zeitungen von den Sportplätzen in Moers. Später dann gelangte er über eine Zwischenstation beim Westfalenblatt zur Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ) nach Duisburg. Dort war er, als Demonstrationen gegen die Stilllegungen des Krupp-Stahlwerkes in Rheinhausen bundesweit für Schlagzeilen sorgten, zunächst für die Lokalseiten in Rheinhausen zuständig. 1992 übernahm er schließlich die Leitung der NRW-Lokalredaktion und machte sich in der Stadt schnell einen Namen.
Quereinsteiger von der Zeitung
Als bei Radio Duisburg 1998 der Chefredakteur Ewald Prünte zu Cityweb wechselte, machte die Veranstaltergemeinschaft Zimmermann zum Nachfolger. „Ich war zwei kein Radiomacher, kannte mich aber in Duisburg bestens aus und war mit dem Lokalfunk vertraut, weil ich mich in der Tarifkommission des Deutschen Journalisten-Verbandes bereits damit auseinander gesetzt hatte“, erinnert sich der erste Quereinsteiger des Duisburger Lokalfunks, der eine Leitungsfunktion erhielt.

Zimmermann fand sich auf dem neuen Terrain schnell zurecht und schärfte das lokale journalistische Profil des Programms. „Wir sind oft auch mal von den Zeitungen zitiert worden“, verweist er darauf, dass es seinem Team durchaus gelang, publizistische Akzente zu setzen. Zimmermann gehört nicht zu denen, für die Qualität und Quote beziehungsweise publizistischer Anspruch und Wirtschaftlichkeit einen Widerspruch im Zwei-Säulen-Modell des NRW-Lokalfunks darstellen. Wenn er journalistisch etwas umsetzen wollte, wofür kein Geld da war, suchte er kurzerhand nach Sponsoren.
Auf diese Weise gelang es ihm auch, zehn Jahre lang alle zwei Wochen eine Live-Talksendung aus der Duisburger Schifferbörse zu senden. Beim Börsentalk moderierte der Chef selbstverständlich selbst. Mal ging es um den Kommunalwahlkampf, mal um Kultur oder soziale Themen. Die sonore Stimme des ehemaligen Duisburger Redaktionsleiters meldete sich außerdem auch jeden Freitag mit einem Wochenkommentar zu Wort. Sonst aber überließ Zimmermann das Mikrofon lieber seinen Kollegen. „Das wäre anders gar nicht zu schaffen gewesen“, erinnert er sich und verweist auf die zahlreichen organisatorischen Aufgaben, die der Job an der Redaktionsspitze erfordert.
Während viele Kollegen die schwierige Position des Chefredakteurs zwischen Veranstaltergemeinschaft und Betriebsgesellschaft als Schleudersitz empfinden, freute sich Zimmermann über die Freiheiten an der Spitze seiner Redaktion. „Bei der Zeitung waren die Spielräume geringer. Im Lokalfunk stand ja journalistisch niemand mehr über mir, der Vorschriften machen konnte“, betont er die große Autonomie.
Brief an Bodo Hombach
Der Preis dafür waren Zehn-Stunden-Arbeitstage, Abendtermine und manchmal auch schwierige Verhandlungen mit den Geldgebern von der WAZ-Gruppe. Einmal, so sagt Zimmermann, habe er auch direkt an WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach geschrieben, „um denen da oben mal mitzuteilen, dass fehlende Werbeeinnahmen auch ein Ergebnis einer schlechten Vermarktung sein können“. Zuvor war der Werbespot-Verkauf den Anzeigenvertretern der Zeitungsausgaben übertragen worden. Später habe sich seine Kritik übrigens als zutreffend herausgestellt, merkt Zimmermann noch lakonisch an.
Dickes Polster
Gute Quoten und schwarze Zahlen haben Zimmermann dabei geholfen, einen vergleichsweise hohen Honoraretat zu verteidigen. So konnte es sich Radio Duisburg leisten, außer acht Redakteuren und zwei Volontären auch etwa ebenso viele freie Mitarbeiter zu beschäftigen. Gesendet wurde in der Prime Time von sechs bis neun Uhr und am Nachmittag. Morgens setzte Zimmermann oft auf einen Zweitmoderator oder Studiogespräche unter Kollegen, wenn es galt, komplexe Sachverhalte anschaulich darzustellen. Nachmittags wurden auch schon mal „gebaute“ Beiträge mit O-Tönen gesendet. Zimmermanns redaktionelle Handschrift prägte ein Jahrzehnt lang den Stil von Radio Duisburg.
Mittagessen mit dem Nachfolger
Auch im Altersteilzeit-Ruhestand stellt der ehemalige Chefredakteur noch meistens die vertraute Lokalfunkfrequenz ein, wenn er Radio hört. Seinen Nachfolger Markus Augustiniak, der zuvor die Redaktion in Minden leitete, trifft Zimmermann etwa alle sechs Wochen. Dann gehen die beiden oft gemeinsam zum Mittagessen. Einmischen ins operative Lokalfunk-Geschäft? Nein, das sei nicht seine Sache. Kontakte pflegen und ein Netzwerk nutzen, das sei aber auch weiterhin wichtig, sagt Zimmermann. Ab und zu arbeitet er noch ein wenig auf Honorarbasis als Moderator öffentlicher Veranstaltungen oder als Autor – für maximal 400 Euro im Monat.
Auch zum Treffen des Vereins der Chefredakteure haben ihn seine Ex-Kollegen unlängst wieder eingeladen, als alle gemeinsam Radiostationen in Leipzig besucht haben. Die Erfahrungen dort hätten ihn in der Ansicht bestätigt, dass es nichts Besseres als das Zwei-Säulen-Modell im privatwirtschaftlichen Hörfunk gebe, merkt Zimmermann nachdenklich an. „Wenn nur die Eigentümer Zugriff auf das Programm haben, dann sehen die Inhalte gleich anders aus“, kritisiert der erfahrene Journalist den Trend zur inhaltslosen Lustigkeit vieler Radioprogramme.
Zimmermann, der als Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Freunde des Filmforums“ für den Erhalt des kommunalen Kinos in Duisburg kämpft, versteht Medien in erster Linie als Kulturgut. Aber er weiß auch, dass bei einigen Lokalfunkstationen dauerhaft publizistische Inhalte gefährdet sind, weil es an genügend Werbeeinnahmen fehlt. „Vielleicht sind es dann bald weniger Anbieter und einige müssen zusammengelegt werden“, gibt sich der ehemalige Chefredakteur realistisch. „Aber dann sollten bei größeren Verbreitungsgebieten wenigstens lokale Fenster eingerichtet werden.“ Dann denkt er kurz nach und beendet das Gespräch mit einer Art persönlichem Glaubensbekenntnis: „Aber das Zwei-Säulen-Modell ist für mich weiterhin zwingend.“
Matthias Kurp
Karriere-Stationen – Rainer Zimmermann:
1969 -1971 Volontariat bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ)
1971-1974 freier Mitarbeiter der WAZ-Lokalredaktion Moers (Sport)
1974-1976 Redaktionsleiter der Kreisredaktion Paderborn beim Westfalenblatt
1976 -1992 Leiter der NRZ-Lokalseiten für Duisburg-Rheinhausen
1992 -1998 Redaktionsleiter der NRZ-Lokalredaktion Duisburg
1998 -2009 Chefredakteur von Radio Duisburg
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